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Zwischen Harlekin und Prophet

MenschenGeschrieben von TitelBlog Mo, Mai 20, 2013 13:54
Urs Widmer: Gesammelte Erzählungen.Die zum 75. Geburtstag des Schriftstellers Urs Widmer am 21. Mai* erschienenen gesammelten Erzählungen. Vorgestellt von PETER MOHR


»Ich heiße Vigolette alt. Ich bin ein Zwerg. Ich bin acht Zentimeter groß und aus Gummi.« So leitete Urs Widmer 2006 seinen Roman Mein Leben als Zwerg ein, der – aus der Perspektive des Lieblingsspielzeugs des Sohnes – eine Fortsetzung seiner beiden »Familien«-Romane Der Geliebte der Mutter (2000) und Das Buch des Vaters (2004) bildete und uns gleichzeitig diverse Facetten des Autors präsentierte: den ernsten nachdenklichen Schriftsteller und den märchenhaften, verspielten Fabulierer.

Urs Widmer gehört zu den wenigen zeitgenössischen Schriftstellern, für die Humor und Tiefsinn keinen unüberbrückbaren Gegensatz darstellen. Moderne Märchen, bizarre Theaterstücke, sprachartistische Hörspiele und kunterbunte Erzählwerke hat der in Zürich lebende Autor in den letzten 45 Jahren vorgelegt – stets darauf bedacht, die Waage zu halten zwischen Aufklärung und anspruchsvoller Unterhaltung.

Einen repräsentativen Querschnitt aus Widmers künstlerischem Schaffen hat der Diogenes Verlag nun mit einem opulenten, hochwertig ausgestatteten Band vorgelegt, der 32 Erzählungen enthält – angefangen mit Widmers Debütwerk Alois (1968) bis hin zu Reise nach Istanbul (2010).

»Ich lebe seit 1968 von dem, was ich schreibe. Das muss mir zunächst einmal einer nachmachen, das ist realistisches Schreiben. Am Anfang hatten wir null Geld. Aber ich kann mich an keine Sekunde des Leidens, an keine Armut erinnern«, erklärte Widmer, der heute* vor 75 Jahren als Sohn eines Gymnasiallehrers, Übersetzers und Literaturkritikers in Basel geboren wurde. Als er 1968 mit seiner Erzählung Alois debütierte, hatte er gerade sein Studium mit der Promotion abgeschlossen und arbeitete als Verlagslektor bei Suhrkamp.

Urs Widmer, der sich ausgiebig mit Nabokov und Joseph Conrad beschäftigt hat, beherrscht die gesamte Bandbreite der literarischen Genres und betreibt ein amüsantes Verwirrspiel mit den künstlerischen Formen. In den Erzählwerken Der blaue Siphon (1992) Liebesbrief für Mary (1993) und Im Kongo (1996/alle auch bei Diogenes erschienen) dominiert eine eigenwillige Mischung aus surrealistischen Sequenzen und knallhartem Realismus. Mit den wechselnden Schauplätzen (Australien, Zürich, Kongo) changiert auch Widmers Erzählduktus. Je exotischer das beschriebene Ambiente, umso farbenfroher, ausdrucksstärker und vitaler wird die Sprache, die in einigen Passagen beinahe expressionistische Sphären tangiert.

Trotz seiner formalen Verspieltheit ist Widmer, der sich auch erfolgreich als literarischer Übersetzer betätigte, niemals ein Elfenbeinturm-Poet gewesen. Sein erfolgreichstes Theaterstück Top Dogs, für das er 1997 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet wurde, ist das Ergebnis einer intensiven Recherche in Managementkreisen. In nur drei Monaten hat Widmer dieses Stück, das auf über 40 Bühnen gespielt wurde (und noch gespielt wird), in Zusammenarbeit mit dem damaligen Züricher Theaterintendanten Volker Hesse fertiggestellt. »Top Dogs ist zu keiner Sekunde langweilig«, urteilte der renommierte Regisseur und Intendant Volker Canaris.

Ob in dem skurrilen Geschichtenband Vor uns die Sintflut (1998), im weniger geglückten Theaterstück Bankgeheimnisse (2001 in Zürich uraufgeführt), im Essayband Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück oder in seinen diversen Zeitungskolumnen: Urs Widmer ist immer ein präziser Beobachter des Alltags, ein feinsinniger Analytiker, der vehement gegen das »Paradies des Vergessens« (so hieß eine 1990 erschienene Erzählung, die im neuen Sammelband ebenfalls enthalten ist) anschreibt.

Auch in seinem letzten Roman Herr Adamson (2009) treibt Widmer, der tiefsinnige Schelm unter den zeitgenössischen Autoren, wieder allerlei fantastischen Schabernack. Ein Greis erinnert sich an seinem 94. Geburtstag, den er am 20. Mai 2032 feiert (es wäre dies auch Widmers 94. Geburtstag), an eine Begegnung aus Kindheitstagen. Der alte Mann mit Schnauzbart und zotteligen Strähnen um den Glatzkopf herum ähnelt (wohl nicht zufällig) Widmers eigenem äußeren Erscheinungsbild. »Mein Lachen ist zur einen Hälfte Utopie und zur anderen Hälfte der verzweifelte Versuch, die Schrecken auszuhalten«, hatte der Autor einmal in einem Interview erklärt.

»Kann man denn nicht lachend auch sehr ernsthaft sein?«, heißt es in Lessings »Minna von Barnhelm«. Urs Widmer – mal spottender Harlekin, mal weiser Prophet, hat dies eindrucksvoll geschafft.

| PETER MOHR

Titelangaben:
Urs Widmer: Gesammelte Erzählungen
Zürich: Diogenes 2013
759 Seiten. 29,90 Euro

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»I hob's am Kopf, net an der Leber« - Der Tatort aus Wien

Kino & TVGeschrieben von TitelBlog Sa, Mai 18, 2013 13:36

874 Tatort – »Unvergessen« (ORF), Pfingstmontag:

Der TATORT aus Wien hat's mir angetan, ich geb's zu. Vielleicht wegen des geschmeidigen Dialekts oder wegen Eisner und der beiden Frauen, die in Sorge sind, wo ist überhaupt Sorge. Sind das nicht Klischees aus der Steinzeit, so der Mann störrisch wie Esel, und dazu die Frauen in Sorge, die ihn zurückhalten wollen? Ja, stimmt. Und? Ist's gut so? Man weiß es nicht. Gibt’s keine Regeln. Wir müssen den Einzelfall prüfen. So gesehen, und Vorurteile und vorgefasste Meinungen mal alle flugs beiseite – echt eine starke, so plastik haben wir uns angewöhnt zu reden, Performance. Von WOLF SENFF

Ein anderer Grund, weshalb mir's der Wiener angetan hat? Eisner (Harald Krassnitzer) – »I hob's am Kopf, net an der Leber« – ist nicht erbarmungslos infantil wie die fast fünfzigjährigen Darsteller beim NDR Hamburg oder die Dick-und-Doof-Ermittler aus Münster.

Fünf Sterne für die Dramaturgie

»Bei einer retrograden Amnesie wird primär das traumatisierte Erlebnis ausgeblendet. Das Langzeitgedächtnis bleibt dabei intakt. Jede Form von Anstrengung sollten Sie vermeiden.« So fängt's an. Und schließt mit: »Dös is mir jetz scheißegal. I moag nimmer« – was, kurz angebunden zwar, sich inhaltlich vom einleitenden Satz dennoch gar nicht unterscheidet. Überzeugend arrangiert.

Investigativer Journalismus, Gegensatz Stadt/Land, »Es ist nicht alles braun, was singt«, Alzheimer u. a. m. Es gehört allerhand Verstand dazu, diese verschiedenen Inhalte durch eine kluge Dramaturgie sinnfällig miteinander zu verknüpfen, und die Inhalte sind außerdem originell und spannend aufbereitet (Buch und Regie: Sascha Bigler), mehr kann man kaum verlangen, »Unvergessen« lässt uns nicht los. Unauffällige, zurückhaltend und effektvoll integrierte Musik (Matthias Weber).

Ein Massaker vor Ort (alt) und der Pharma-Riese weltweit (neu)

Und wie lange wartet man schon darauf, dass nicht jedes Mal nur die Neonazi-Keule geschwungen, sondern dass außerdem gefragt wird, in welchen Bereichen die menschenverachtende Tradition des Faschismus heutzutage ihren Niederschlag findet bzw. in welcher Verkleidung sie sich als »modern« präsentiert. »Unvergessen« zieht die einleuchtende Parallele vom Massaker der Waffen-SS zu einer Alzheimer-Testserie der Pharma-Industrie. Genial der verantwortliche Pharma-Vertreter, der als hundertprozentiger Gutmensch auftritt (Merab Ninidze) und sich durch nichts davon abbringen lässt. Hört er Beethoven, wenn er zu Hause im Lehnstuhl sitzt? Er könnte kein Wässerchen trüben. Nein, nein, und doch, man möchte es nicht glauben.

Nichts in Unvergessen, das politisch korrekt wäre. Der Umgang miteinander ist offen, direkt, emotional, man hält nicht hinter dem Berg mit seiner Meinung, es wird nicht vor lauter Höflichkeit gelogen und geheuchelt. Das ist doch mal schön, wir erleben es im Alltag nicht alle Tage. Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ist eine wunderbar unverstellte und unverkrampfte Figur, nicht ohne wirksame atmosphärische Ausstrahlung, zu unser aller Glück und Wohlbefinden.

Seilbahn über Elbe, Seilbahn über Donau

Nein, nur Geduld, ich bin noch nicht durch. Was Wien betrifft, würde mich interessieren, ob's dort eine Seilbahn über die Donau gibt. Sie hatten einen Sessellift im Donaupark, der anlässlich der Internationalen Gartenschau 1964 eingeweiht wurde und wieder in Vergessenheit geriet, jetzt stolpert man im Donaupark hier und da noch über Überbleibsel eines Fundaments.

Wie Aufmerksamkeit verloren geht, wie sich etwas aus dem Gedächtnis davonschleicht – das gäbe ein lohnenswertes Thema für eine Promotion, wahlweise auch für einen TATORT. Heute ist leider jedermann bestrebt, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Stimmt aber auch nur zum Teil, denn bei der Elbphilharmonie wären die Herrschaften schon froh, wenn der Mantel des Schweigens möglichst lange drüber ausgebreitet bliebe. Wie werden sie bloß die Einweihung ihrer Konzerthalle feiern? Und ist das Geld für die bombastische Sause enthalten in den 789 Millionen Euro, oder wird der städtische Haushalt sich da nochmal spendabel zeigen? Das Hamburger Abendblatt wird berichten, welche unserer Schönen und Reichen eingeladen waren, ein großes Hurra mit bunten Bildern. Peinlich? Ach woher denn!

Auch die hiesige Hafencity ist merkwürdig aus dem öffentlichen Interesse ausgeblendet. Sie wurde doch einst mit Glanz und Gloria promotet. Und nun? Keine Erfolgsstorys, was weiß ich, vom Scheich, der in der Hafencity glücklich wurde? Vom verehrten Ex-Balltreter, dem Torschützenkönig, der in diesem Flair der großen weiten Welt seine endgültige Heimat fand? Vom angehimmelten Filmstar, weiblich, der sich in der einzigartigen Hafencity niederließ? Sind denn überhaupt alle Wohnungen verkauft? Wohnen dort Einheimische oder ist das eher Teilzeitheim für wohlhabende Pensionäre? Wüsste man selbstverständlich gern. Klar, die Erfolgsnachricht, weil sie ausbleibt, ist allemal verräterisch, wir vermissen sogar das willfährige Lobgehudel der Lokalblätter. Sind so Krimistoffe des Alltags, NDR, und warten darauf, verfilmt zu werden. Aber doch sehr politisch. Wohnungsbau und so. Interessiert praktisch jeden. Und nein, leider nicht geeignet für TATORT, wir verstehen schon.

Energieversorger macht miserablen Krimi

Meine Nachbarin behauptet, die Seilbahn über die Elbe wird überhaupt nur deswegen vorgeschlagen, damit in der Lokalpresse kein Platz für Elbphilharmonie entsteht, in Hamburg ist immer was los, Vattenfall Lesetage nebst prominent besetzter »Vattenfall-abschaffen-Lesetage« sind vorbei, Vattenfall Cyclassics sind für August angesagt, der HSV – V hier noch nicht für Vattenfall – spielt Champions League, versprochen.

Nein, ist das alles verwirrend. Ob das so sein muss. Der Senat möchte Vattenfall in Hamburg halten, weshalb eigentlich, und will lediglich ein Viertel der Leitungen wieder in den Besitz der Stadt bringen. Die Bürger hingegen wünschen mehrheitlich – http://www.tschuess-vattenfall.de/ – eine hundertprozentige Rekommunalisierung der Strom-, Gas- und Fernwärmenetze, also den Zustand vor 2002, als – weshalb eigentlich – die stadteigenen HEW an Vattenfall verscherbelt wurden.

Ein Krimi halt, so gar nicht unterhaltsame Wirklichkeit, viel Geld geht den Bach runter, extrem unerfreulich, die Regie ist dilettantisch. Wie erfreulich aber doch, dass sonntags über Hamburgs Flachbildschirme ein TATORT flimmert. Aus Wien diesmal, aus Wien ohne Seilbahn ohne Vattenfall. Wir bleiben am Ball.

Das fröhliche Kontrastprogramm – wir schließen jetzt mal die Tür hinter uns und lassen uns ins Land des Nonsense entführen – lief schon am Pfingstsonntag, Zwischen den Ohren (WDR 2011), ein TATORT aus Münster. Na ja, zum Titel sagen wir mal lieber nichts. Während Thiel (Axel Prahl) am Flachbildschirm St. Pauli gegen Bayern sieht, stößt sein Vater beim Angeln auf einen appen Fuß, wie gewohnt urkomische Zutaten, urkomisch aufgetischt.

| WOLF SENFF

Titelangaben:
TATORT: Unvergessen (ORF)
Regie: Sascha Bigler
Ermittler: Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser
Mo., 20. 5., ARD, 20:15 Uhr

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Monomania for the Soul

Bittles' MagazineGeschrieben von TitelBlog Fr, Mai 17, 2013 07:53

Ah, festival season! That time of year when you think nothing of paying £60 to stand in someone’s dog shit strewn garden in the pouring rain listening to some band you’ve never heard of and never will again. Take it from me, the best thing to do during the months of summer is to lock yourself away in your bedroom listening to lots of depressing music so that when winter kicks back in you are well ahead of the game. Luckily this month there are loads of fantastic angst ridden and gloomy music to accompany you on your voyage of the pale, some of which I have rather considerately reviewed below. Remember people tans are out, pasty is in! By JOHN BITTLES

Anyway, the first of this month’s releases that has gotten me so excited is the debut album by fearsome foursome Savages. Imagine standing at the very peak of the highest hill and screaming angrily into the wind. This is the best way to picture the eleven fast and furious songs on Silence Yourself. The record seems to thrive on an air of raw aggression and Joy Division style gloom. Listening to the album is an extremely cathartic experience that afterwards leaves you feeling fresh and vibrant, desperate to play it again and again. It’s impossible to listen to tracks like City’s Full, I am Here, and Husbands without breaking out into spasmodic jerks. If these were four young chaps from Brooklyn instead of four young women from London/France then the world’s press would be getting very excited about them indeed. The fact that they are making some of the best rock music around should, in a perfect world, be reason enough for them to be huge. Get to it, people!

Keeping with the whole aggression as an art form theme, Monomania by Deerhunter is their most vibrant, jagged and noisy album in years. ‘I am a terrorist’ frontman Bradford Cox recently admitted in an interview with NME ‘as a homosexual, my job is to simply sodomise mediocrity’. In opening tracks Neon Junkyard and Leather Jacket II the grunts and snarls of the ragged guitars crash and pulverise the listener into a sense of bewilderment and delight. If this is sodomy then it’s never sounded so good. Within minutes of sticking this on you’ll find yourself pogoing around the bedroom banging into your girlfriends cuddly toy collection (or maybe that’s just me) with an expression of unbridled joy. Yet it’s not all noise as there is a gloriously stoned melancholic vibe flowing through the album and tracks such as The Missing have a yearning hunger that can’t help but melt the heart. Deerhunter and Bradford Cox in particular, are geniuses (check out his Atlas Sound solo project if you don’t believe me) and those who say differently are obviously idiots. So there!

On more of a house tip we have the brand new album by Octo Octa coming out on LA’s 100% Silk at the end of May. With eight delicious tracks of luscious beats and aching beauty Between Two Selves deserves to be a lot more than a mere cult concern. The ability to make machines pine and cry takes a very special talent indeed. Add to that the fact that you can’t resist the urge to dance to these moments of celestial glory mark Michael Morrison out as a someone at the very top of their game. Highlights for me include Who I Will Become, Please Don’t Leave, and the sublime sexiness of Come Closer. All eight tracks are excellent though and illustrate how electronic music and emotion are perfect bedfellows. Do music and yourself a favour and get this album. You owe it to your ears!

Out on the 10th June For Years the debut album from Airhead is being released on the ever impressive R&S label. Fans of Burial, Pariah, or the more soulful and downcast elements of dubstep will be in fits of raptures here. Dislocated, otherworldly samples, alien sounding melodies, and oodles of cavernous bass combine splendidly to create an invigorating experience that will stay with you for a very long time. And how many albums can you say that about, eh? Wait, Azure Race, and Knives are melancholic, introspective and perfect for original James Blake fans who wish he would sometimes just let the music do the talking and ‘shut the fuck up’ .

Deep house legend Jimpster returns with a new long-player on Freerange this month. Porchlight and Rocking Chairs contains twelve tracks of really quite beautifully produced house music. Melodies and strings feature heavily which are utilised together with gentle kick drums and the deepest of bass to create a sonic masterpiece. Rest assured that this will work just as well on forward thinking dancefloors as on your tatty old headphones. Dance of the Pharoes is jaw-droppingly lovely, while Hold my Hand is eyes-closed electronic music to delight both the heart and soul. Wanting You has a gloriously mournful air while Cracks in the Pavement is tailor-made for clubs with quality sound-systems. I’ve been listening to this album for close to two months now and I’m still not bored of it. Nuff said really!

The Black Dog may be right contrary bastards to interview, yet no one can deny that they have created some of the most stunning and emotive techno music of the last decade or so. New album Tranklements is out on the 20th May and sounds very special indeed. Somehow the band manage to juxtapose an almost overwhelming sense of warmth and alienation that grabs hold of both the mind and the heart while refusing to ever let go. Previous albums Music for Real Airports and Liber Dogma were disappointingly one-dimensional compared to earlier releases, yet Tranklements finds the band soaring to epic new heights. The record represents an aural trip where you are completely unaware where you’re going but are more than prepared to settle down and enjoy the ride in the knowledge that The Black Dog are experts in this field.

Remember a few years ago when it was all ‘minimal this’ and ‘minimal that‘? Well, now in 2013 that musical movement is supposed to be over since we‘ve all moved on to skag-house or something like that. In fact you can visit its grave in Sheffield for £2.50 a time. There’s no headstone or nothing! Yet there are some foolhardy souls out there refusing to follow such trends. People such as Ritchie Hawtin whose fab label Minus has been releasing some truly outstanding minimal music throughout the last few years. Yet Minus’ output doesn’t deserve as narrow a description as minimal since the label’s release schedule has seen all manner of strange musical beasts emerge fresh-faced into the world. Their new compilation minMAX showcases these diverse and varied sounds with highlights coming from Mathew Jonnson, Gaiser, Heartthrob, and many more. Shimmering ambience, eerie synths, deep booming house, and chunky techno all feature strongly in an epic comp that is a must-listen for anyone with even a passing interest in electronic music.

Just when I had given up all hope of Primal Scream releasing a decent record ever again they give us More Light which isn’t just decent, it’s excellent. Opening with the state of the nation address that is 2013 what follows is over an hour of furious rock n’ roll mayhem. The band haven’t sounded this alive or relevant since the sonic assault of Xtrmntr over ten years ago. Bobby and the band appear to be mighty pissed-off with the world, and society in general, and they don’t care who knows which makes for an angry and frantic listen. More Light is edgy, thoughtful, tuneful, and a thoroughly stunning set that sounds like the type of music we’ve been lusting for from Primal Scream for a mighty long time. Upon hearing the album for the first time I ran out into the street rejoicing that the band had finally realised that the world has no need for another Rolling Stones tribute band. Hurrah!

For those who are cool enough (Hi, Jane) to be aware of the punk rock aggression of the band Iceage this album may come as a bit of a shock. Var is a duo made up of Iceage singer Elias Ronnenfelt and childhood buddy Loke Rahbek and No One Dances Quite Like My Brothers is their pretty darn great debut album. The tracks on here are an altogether subtler beast than Elias’s day job might lead you to believe with enough melancholy and emotion to make Batman’s Joker break down in tears. Electronic squiggles and shuffling beats drift in and out of the mix allowing the heartfelt lyrics to do their job of projecting an air of isolated innocence perfectly. Tracks such as Motionless Duties, and The World Fell feel as if they are enveloped in an all-consuming mournful air. This is a very personal sounding album whose warm synths and somber lyrics positively ache with a sense of vulnerability. All of which make this a great listen for when you’ve run out of Kit-Kats and are feeling a little bit sad.

Edgeland, the debut solo album by one half of Underworld Karl Hyde has a similar introverted air that makes it the perfect accompaniment to staring out the window at the never ending rain. Those expecting Born Slippy style techno mayhem will be disappointed (deservedly so). Yet anyone seeking glacial electronica with intelligent, thoughtful lyrics will be positively overjoyed with what is on offer here. This is music for the morning after the night before. Your head is hurting through dehydration, you’re feeling a little bit paranoid, and you are very aware that there is something intrinsically wrong with the world in which you live. Inspired by Brian Eno the record is a slow moving and enchanting listen where you feel yourself holding your breath between songs for fear of breaking the mood.

If dirty and sleazy house is what floats your boat then I can heartily recommend Crossing Wires 01 the new CD expertly mixed by My Favorite Robot. Out on the 10th June the album is a deliriously deep selection of exclusive cuts that are guaranteed to get hips wiggling, and bodies grinding together in an overly sexual way. Tracks such as I Like to Clip by James Teej and Increase the Dose by Jonny Cruz groove along with what could well be the sexiest sounds of the year while Maia by The Revenge almost made me have an embarrassing accident in the workplace. Just be careful listening to this on the train or you may well find yourself flirting outrageously with the old lady sitting next to you and not minding at all as she rubs your leg with a kinky smile. You have been warned! The tunes are far from thumping, yet they have a steady pace that is as perfect for movement of the body as for cerebral thought. Try playing this in the bedroom and your partner will literally swoon with delight. And if s/he doesn’t then I think it may well be time to dump their sorry little ass!

I wanted to finish on a happy note by reviewing Modern Vampires of the City, the brand new long-player from Vampire Weekend but the album seems to find the usually cheerful and jaunty band beset by self doubts and the anxieties of age. Lead single Diane Young may sound like business as usual for Vampire Weekend yet their usual gusto is toned down with reflective lyrics and musical depth dominating the album’s twelve songs. Obvious Bicycle, Step and Ya Hey with its lyrics of ‘The Motherland don’t love you. The Fatherland don’t love you. So why love anything?’ symbolise the search for meaning and answers which seems to have affected the band. The album is a glorious triumph though that will have me playing the tracks repeatedly for many months to come. It seems we have grown with Vampire Weekend. Through the enthusiasm of youth with their debut, the ‘oh fuck what do we do now we’ve finished uni’ of the follow-up, to the perils of middle age on this, their third. With their music still sounding unlike any band alive it is almost enough to make me look forward to the onset of old age.

| JOHN BITTLES

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Träume in Arbeit

Kino & TVGeschrieben von TitelBlog Do, Mai 16, 2013 01:38
Sie haben die Eröffnung vorverlagert, das ist schön. Japanisches Filmfest Hamburg. Das Hauptprogramm fängt am 22. Mai an und dauert bis 26. Mai. Und nun zeigen sie drei Tage täglich drei Filme im RIALTO, das natürlich keiner kennt, gibt’s ja erst paar Tage, und was soll wohl ein Kino in Wilhelmsburg, spinnerte Idee aber auch, dieses traditionsreiche Kino wieder in Betrieb zu nehmen. Man findet gar nicht hin, ein Stadtplan ist Parallelwelt, du brauchst diese Computerstimme im Plastikbehälter, aber damit kann ich nicht dienen. Von WOLF SENFF

Ich hätt' gern gewusst, was RIALTO heißt, also nicht jetzt Brücke über den Canale Grande, sondern wirklich, was es heißt, aber konnte mir auch bei RIALTO Lichtspiele niemand erklären und auch das Internet war zu blöd oder mal wieder desolat organisiert. Ich treff dann zeitig ein. Wilhelmsburg hat Charme, das spricht sich grad rum.

RIALTO Lichtspiele haben Charakter. Widerständig. Leicht schräg wie der Stadtteil und angenehm bodennah. Nein, nicht fein. Vogelhüttendeich. Mit Fummel brauchst du da gar nicht erst hin. Man weiß das ja nicht gleich so genau, wenn man aus der Stadt anreist. Aber schon wenn du im Internet schaust, wird klar, dass hier paar Leute versuchen, sich einen Traum zu verwirklichen, und so sieht das Kino aus, wenn du hinkommst: Traum in Arbeit. Grundsolide. Großer Saal, richtiges Kino. Quasi mit Nachbarschaftshilfe finanziert. Auch mit größeren Beträgen gesponsort. Wie nennt man das? Stadtteilpolitik? Wunderschönes altes Gestühl, lässt sich drin sitzen.

Normal verlass ich das Kino, wenn mir ein Film nicht zusagt

Ach der Film … ich wollt einige Worte zum Film unterbringen. Eigentlich wollt ich alle drei sehen, aber wie das so ist, man ist vorsichtig, kost ja auch Geld, und erst mal nur einen, also The Final Judgement. Japan in einer nicht ganz so fernen Zukunft: Das Land ist von der neuen asiatischen Supermacht Ouran besetzt und führt eine brutale Militärdiktatur. Pressefreiheit wird abgeschafft, Religionen werden verboten und Demonstranten eiskalt erschossen. Der 26-jährige Shogo Washio stellt sich dem militanten Regime entgegen: Zusammen mit der Widerstandsbewegung ROLE will er sein Land befreien!

Na ja, reißt mich nicht vom Hocker, möcht' ich sagen. Bissel Sci Fi, etwas Ballerei, wenige Szenen mit Kampfhubschraubern. Und wieso hat es mir trotzdem gefallen? Normal verlass ich das Kino, wenn mir ein Film nicht zusagt.

Ja, wieso gefiel mir der Film? Der Hauptdarsteller – leider lassen sich japanische Schriftzeichen schlecht übertragen – hat ein charaktervolles Gesicht, in dem sich Stimmungen und ihre feinen Nuancen überzeugend abbilden. Und nein, nicht die Sorte Haudrauf wie Schweiger. Bei so Darstellern wie Johnny Depp oder Leonardo di Caprio hab ich jedes mal den Eindruck, deren Gesichter sind so botoxgestählt, dass die Mimik komplett gelähmt ist. Erstens.

Schauspielerei ist halt ein geiler Beruf

Zweitens. Filme aus Japan sind anders. Westfilmeinheitsbrei zeigt Trulla-Probleme, zeigt Rentner in fernen Hotels oder pensionierte Opernsänger in Seniorenheimen, zeigt Beziehungsgewitter, zeigt Dokumentation über Zustand von Nahrung, zeigt Elbe von oben – kurz: Mich nervt's. Man weiß ja, dass Zustand von Nahrung ein Aufreger ist, und man weiß, dass der Film aber auch gar nichts dran ändern wird, gerade eben lesen wir was über Beschiss mit Kartoffeln. Und Elbe von oben? Na gut, besser sehn wir Elbe von oben als Elbe von unten.

The Final Judgement? Nein, da sind nicht Leute am Werk, die längst Bescheid wissen und vorführen wollen, wie die Welt nun mal ist, und sie wissen, dass sie nichts dran ändern. Und ihnen geht’s ja gut, die Schauspielerei ist halt ein geiler Beruf. Nein, bei The Final Judgement sehen wir einen frischen Film, der steckt voller Leben, die japanischen Filme sind ausgeprägt jugendlich. Sie wollen die Welt verändern in The Final Judgement, sie setzen sich ein für eine neue, ganz andere Zukunft, und offenbar kannst du nur, wenn du große Ziele hast, große Gefühle authentisch darstellen. Wenn nicht, sind die Figuren hohl und kitschig.

Man kann sich als Kritiker über wundersame Wendungen und gewollte Dramaturgie durchaus wundern, aber wir schnitzen daraus kein Problem für diesen Film. Ich schätze vor allem, dass The Final Judgement sich vom Einheitsbrei, der uns hier in den meisten Kinos bis zum Überdruss serviert wird, so angenehm unterscheidet. Man freut sich aufs Filmfest und hofft auf eine Menge Filme voller Leben.

| WOLF SENFF

Reinschauen:
14. Japanisches Filmfest Hamburg JFFH
22.-26. Mai im 3001 Kino, im Metropolis, im Projektor

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Vater, Sohn, Eis und Tod

MusikGeschrieben von TitelBlog Do, Mai 16, 2013 01:24

Toms Schmankerl der Woche:

Der Komponist, Musiker und Konzeptkünstler Conrad Schnitzler (1937-2011) ist einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Elektronik-Avantgarde. Der Beuys-Student wurde vor allem durch seine Arbeit bei Kluster und Tangerine Dream bekannt. Es ist nicht völlig übertrieben, wenn zudem von »unzähligen« Soloalben die Rede ist, wenn man weiß, dass die beiden nun wiederveröffentlichten Werke nur zwei von allein sieben im Jahr 1981 veröffentlichten sind. Contempora ist eine Art akustischer Skizzensammlung, die einen Einblick gibt in die vielfältigen Klangräume, die Schnitzler im Wesentlichen mit den Synthesizern EMS Synthi A, dem Korg MS 10, einem analogen Sequenzer und einer analogen Rhythmusmaschine erzeugte. Anfang der 80er durchaus kein besonders exklusiver Equipment-Park mehr. Was Schnitzler allerdings damit anstellt, reicht, um sich klanglich und kompositorisch zu positionieren – und das, obwohl ein Großteil der Stücke mit im Schnitt etwa zwei Minuten nur einen kurzen Einblick in die ideenreiche Welt eines Ausnahmetalents geben. Über den Sequenzer-Figuren tauchen improvisierte Melodie-Fetzen und Klang-Sternschnuppen auf, die schon wieder verloschen sind, bevor sie sich richtig in den Köpfen der Hörer festsetzen.

Conrad & Sohn ist genau das, was der Titel verspricht: ein Zwei-Generationen-Projekt aus dem Hause Schnitzler. Ursprünglich trafen hier sieben Stücke des Vaters auf fünf vom Sohnemann, dank einiger Bonusstücke hat sich bei der nun vorliegenden Wiederveröffentlichung, das Verhältnis mit 7:10 zu Gunsten von Gregor Schnitzler verschoben. Und das geht in Ordnung, denn was dieser mit dem offensichtlich gleichen Equipment wie der Vater erschafft, ist durchaus hörenswert und aus heutiger Sicht leichter mit dem Jahr 1981 in Einklang zu bringen. Gregor Schnitzler nimmt deutlich mehr Bezug auf Strömungen der Popkultur. Die düsteren Sequenzer-Sounds verweisen zum Teil auf Industrial-Urgesteine wie Cabaret Voltaire und das Endzeitgefühl, das einen guten Teil der jüngeren Generation zu dieser Zeit umwehte. No Future und West-Berliner Inselfeeling treffen auf die Lust einer eigenen Ausdruckskraft, in der auch die kreative und abgedrehte Seite der frühen NDW durchscheint.

Aus dem grauen Westberlin der 80er geht es ins auf hip gebürstete Brooklyn der Jetztzeit. Der Sound von Small Black verweist allerdings einmal mehr wieder zurück ins goldene Zeitalter der Musik-Industrie. Auf Small Blacks 2010er Album herrschte noch maximalistischer Pop, Limits of Desire setzt die Produktionsmittel gezielter ein. Die New Yorker zelebrieren leicht dahin schwirrenden Sound der subtileren Art. Ihre Art von Synth-Pop spricht Kopf und Bauch gleichermaßen an und orientiert sich an Smart-Poppern wie The Blue Nile oder Prefab Sprout, was gepaart mit einem Schuss Tears for Fears zu einem so angenehmen wie unverfänglichen Hörgenuss führt. Gelungen ist auch die Covergestaltung eines Albums, das ebenso von der Suche nach Tiefe in einem Leben scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten handelt, wie davon, dass gerade eine unübersichtliche Gestaltungsvielfalt schnell zum Hindernis wird. Dem angesichts lauernder Gefahren umso verständlicherem Drang nach Nähe stehen stets Hindernisse entgegen. Musikalisch umgesetzt ist das Ganze in eine auf den ersten Eindruck beiläufige Synthie-Oberfläche, die aber von feineren musikalischen Sprenklern, halbabstrakten Texten und einer sublimen Melancholie durchsetzt ist.

Bereits mit seinem 2012 Album Dead Man Waltz ließ der in Berlin lebende Däne Lasse Matthiessen aufhorchen. Fans, Presse und Radiostationen erfreuten sich an den in schwarz-weiß gehaltenen Stücken mit Einflüssen von Drake bis Dylan. Nur Lasses Kumpel Ian Fisher hatte was zu meckern, aber dafür sind Freunde ja gut. Der fand den Song Oh.Ulysses großartig, in der im vollen Bandkontext auf Platte verewigten Version aber zu aufgeblasen und »like a fucking christian band« klingend. Schon war die Idee geboren, den Song neu aufzunehmen; es wurde schließlich eine ganze neue Platte daraus. Lasse, Ian und die befreundete isländische Songwriterin Halla Nordfjörd verschanzten sich in einer kleinen Hütte eines weiteren Freundes an der Südküste Norwegens. Und so klingt Carry Me Down dann auch. Reduzierte Akustikgitarren-Songs der zeitlosen und eindringlichen Art. Isolation, Eis, Tod, kalter Nordwind und an die steile Küste schlagende Wellen durchziehen Noten und Textzeilen. Und Ulysses erstrahlt in reduzierter Schlichtheit. Eine typische Herbstplatte – die man natürlich auch an kommenden, verregneten Sommertagen schon gerne auflegen wird.

Die faszinierendste Stimme Irlands seit Sinead o´Connor erobert die Herzen. Bereits mit ihrem 2006er Debüt 13 Songs heimste Julie Feeney auch Übersee schon begeisterte Resonanzen ein. Feeney verfügt nicht nur über eine glockenklare Stimme, sondern über fast schon beängstigend vielfältige Anlagen. Sie singt nicht nur ihre selbst komponierten Songs, sie schreibt auch alle Texte, orchestriert die Stücke – und spielt als studierte Musikerin fast alle Instrumente selbst ein. Produziert hat sie ihr drittes Album Clocks zudem auch noch. Dabei mischt sie verständlicherweise ihre Stimme deutlich vor die melodisch-melancholischen Stücke für Orchester, (elektronische) Instrumente und Chöre. Diese elf Songs voll emotionaler Tiefe dürften auch hierzulande nicht ungehört bleiben. Denn mittlerweile hat man die Klasse der Frau, die mit Clocks flugs die Charts ihrer Heimat anführte sogar in Hollywood erkannt, wo sie Spielberg und Farrell zu Ehren auf der offiziellen Oscar Party musizierte. Keine Angst: ist trotzdem gut! Anspieltipps: Just a few hours, bei dem sich in die zarte Zerbrechlichkeit irgendwie eine Abba-Erinnerung verwebt oder Galway Boy, oder …

| TOM ASAM

Titelangaben:
Conrad Schnitzler: Contempora / Conrad & Sohn – beide: Bureau B / IndigoSmall Black: Limits of Desire – JagJaguar / Cargo
Lasse Matthiessen: Carry me down – Solaris Empire / Broken Silence
Julie Feeney: Clocks – MITT3/Wild Heart Management/ DA Music



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Kasse machen

TextwerkstattGeschrieben von fiction Mo, Mai 13, 2013 11:51

TITEL-Textwerkstatt präsentiert: NIKLAS LINNENBACH - "Kasse machen":

Es riecht verbrannt. Es knistert, zischt, lodert, glüht. Überall. Neonleuchten strahlen zerstörerisch stark. Zurückhaltung ist jetzt wichtig. Ein paar Jugendliche haben gegokelt, gezündelt, den Braten gerochen. Haben sie nicht. Wäre zu schön. Nur schön. Auf den ersten Blick.

Regal für Regal für Regal ist egal. Viel zu viel zu viel. Aber wir wollen noch mehr zu viel. Ein anders gleicher Weg durch Rot, Blau, Grün und Gelb. Grau.

In diesen Hallen ist alles gleich, ist jeder gleich. Bleich. Die Strahler dort oben strahlen alles weiß, alles gleich, alles bleich. Jeder sammelt verschieden gleich. Durcheinander. Diese Nudel oder diese Nudel oder diese Nudel oder vielleicht diese Nudel oder doch diese Nudel? Nein, ich nehme diese Nudel. Und dazu dieses Nudelholz und schlage diesem Penner, der die letzte Paprika! Den Kopf ein. Ziehen. Da kommt Nachschub. Zurückgelegt. Das Holz und viel Weg. Weiter, weiter. Sieben Prozent Rabatt auf den Papaya-Maracuya-Ananas-Melone-Banane-Kirsch-Joghurt, den Papaya-Maracuya-Ananas-Melone-Banane-Joghurt und den Papaya-Maracuya-Ananas-Melone-Joghurt von 'Landluft Irgendwo'. Durch die eisigen Hallen mit ihrer farbenfrohen Farblosigkeit, tote Gesichter, die totes Fleisch, millionenfach verpackt. Anglotzen. Das Gemüse steht vor dem Gemüse, anderes Licht, sieht so gesünder aus, doch alle Anderen, nicht. Gesprächsfetzen hört man nicht. Es gibt keine. Keine Chips mehr. Wo zum Henker ist der Henker für den Filialleiter? Nachschub kommt. Nachschub wird es immer geben. Zu viele Menschen warten draußen vor den Toren, alles muss ernährt werden. Wie sonst soll das gehen, außer in solchen Hallen! Weiter, weiter rammeln. Machst du Sport? Ja. Rammeln. Meine Frau und euch. Neun Prozent Rabatt auf die Besen für Garage, Hauseingang, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Terrasse vom 'Feuchten Kehricht'. Leider kein Rabatt auf die Besen für Treppe, Flur, Küche, Chill-Lounge und Garageneinfahrt von 'Kehr vor deiner eigenen Haustüre!'. Raus hier. Jeder will raus hier. Manche nicht. Viele nicht. Wohlfühlen im Trott. Und es riecht so nach. Bei der Milch nach. Beim Waschmittel nach. Beim Obst nach. Nur beim Fisch riecht es nach Fisch.

Aus den Lautsprechern tönt nett und schäbig: „Hier fühl' ich mich wohl.“ Und Radiomusik. Das Radio des Kauflandes. Das Land des Kaufens hat jetzt ein eigenes Radio. Aber das hört keiner. Das stört keinen. Haben alle Kopfhörer auf. Warum noch in den Himmel kommen, das Paradies ist doch jetzt auf Erden! Nur irgendwie anstrengend das patschige Rumgesuhle im schönen Dreck der ausgekotzten Designprodukte seelenloser Hoffnungsträger der Millionen, die wissen, dass sie das sind, nur die Millionen wissen es nicht. Hoffnung? Pah. Wer will so was? Wir wollen Sofas! Schön. Und neu. Und schön. Und alt. Und schön. Und anders. Und schön. Panik kommt auf. Dort. Den Ort geortet. Stieren. Da, an der Zahnbürste-Theke. Die 31. Sorte ist ausgefallen. Ausfallend werden jetzt die Toten. Ich seh' nix. Man sieht es nicht. Man fühlt es nur. Wenn man noch fühlen kann. Ratatata. Durch die Reihen, immer weiter, weiter jetzt. Elf Prozent Rabatt auf die Currywurst-Döner-Pommes-Pizza Salami-Asianudeln-Cheeseburger-Chips, die Currywurst-Döner-Pommes-Pizza Schinken-Asianudeln-Chips und die Currywurst-Döner-Pommes-Pizza Vier Käse-Chips von 'Imbiss für alle'. Blicke zur Seite, auf den Boden, nach vorne. Gestoßen. Nach hinten. Kopfschütteln. Zur Seite, schräg unten, halb links. Da sind sie. Und angepackt. Anpacken. Unser gutes Recht. Wir haben ein Recht auf gefrorene Hamburger zu jeder Zeit.

Sie suchen nach Regenwald, Bäumen, Steinen, Wasserfällen, Feldern, gefährlichen Tieren, Natur und Afrika? Die Bio-Abteilung ist dahinten links, gleich neben den Putzmitteln zur Aufrechterhaltung ihres Anwesens. Ein Hinweis: Verhalten Sie sich fair. Natur muss fair sein. Na klar. Weiter, weiter!

Die Luft ist zum Schneiden gespannt, leider haben alle ihre Messer vergessen. Das Massaker bleibt aus. Wieder einmal.

Lass es in dir drin. Die Wut, den Frust und wundere dich über jeden der es ausspricht. Bleib fair, sag nichts, sondern stöhne und drängle nur. Schlag keinem auf die Fresse, denk es nur und tu entspannt, lass dich nicht provozieren, bleib kalt. Hoffe nicht, freue dich oder tu zumindest so. Bald darfst du doch nach Hause. Schöner konsumieren, schöner wohnen, perfekt konsumieren, perfekt wohnen. Was will man mehr? Alles, wirklich alles ist da. Das bisschen Stress nimmt man doch gerne in Kauf. Kauf lieber noch dieses oder jenes oder dieses oder jenes oder dieses oder jenes oder dieses oder jenes oder dieses oder jenes oder dieses oder jenes. Wiederholen wirst du dich nicht bei der Wahl. Neu entdecken wirst du, jeden Tag wenn du willst. Die Halle ist die Unendlichkeit die du dir immer gewünscht hast und aus ihr wird es kein Entrinnen mehr geben. Von nun an ist die Natur hier, von nun an ist alles hier. Kauf dich frei!

Die MAOAM's sind leer! Kinder kreischen. Sie wissen schon jetzt was ihnen fehlt und was sie brauchen. Eine Mutter oder vielleicht die zweite oder dritte schreit zurück, aber es fehlt ihr nicht an Liebe. Sie sucht und sucht. Doch findet nichts. Werden sich die Kinder auch mit anderen Süßigkeiten zufrieden geben? Ihr Herz rast, hastig durchwühlt sie Regale. Regal nach Regal nach Regal. Sie findet keinen Ersatz. Die Kinder kreischen noch immer. Doch es gibt Licht am Ende des Ganges. Ein Einräumer aka Aufräumer. Haben Sie denn wirklich keine mehr? Nichts zu machen. Nachschub kommt erst morgen. Was tun? Wie den Kindern erklären? Problembezirk im Land des Kaufens. Für die Galerie knipst einer Fotos. Es ist alles so schön verrückt hier.

Um die Wette ächzen an der Kasse. Es riecht nicht nach einer Mischung aus Alkohol, Schweiß, Parfüm und und und. Es riecht nach dem bekannten Nichts. Na dann, können die Spiele ja beginnen. Um die Wette stöhnen. Entrüstung macht sich breit. Rüstet euch. Zieht die fette Rüstung an, kurz aus und wieder an. Machen sich die Leute bereit, ihr Hass breit. Für ein bisschen Krieg. Nur ein bisschen. Nur einmal einen Schuldigen in diesem Grau, nur einmal eine Antwort, nur ein bisschen Wahrheit.

Drängeln, schubsen, erstaunt sein, überrumpelt sein, wie kann das denn! Grau ist eine Farbe, die keine Farbe hat. Depressiv und windig. Eilen die Menschen von Artikel zu Artikel. Wichtiger als jeder Artikel in den Zeitungen. Außer im Freitag. Am Freitag. Vergessen. Wollen die Menschen alles vergessen. Also schnell jetzt hier durch, dann ist es geschafft. Geschafft wie meine Beine, noch mehr: Meine Augen. Blind sind sie geworden in der Zentriertheit auf die Hoffnungsträger. Die Hoffnungsträger die das Glück jede Woche Freitag versprechen und Montags immer wieder brechen. Wenn nicht schon früher. Wenn nicht schon früher wir erkannt hätten. Moral bringt nichts wenn es keine offensichtliche Unmoral gibt? Wir schieben und schieben. Vor uns her. Tag ein, Tag aus, Licht an, Licht aus, im Himmel ohne Sonne, wolkenbehangen den Einkaufswagen, den Vordermann. Dem wir klar machen, dass wenn er nicht schneller. In die Hacken! Oder mit Haken durch das langsame Gewühl. In der Ruhe liegt die. Angriffslust. Der Sturm. Zieht heran. Zieht an. Schneller. Wir haben doch keine Zeit obwohl wir so viel Zeit haben. Noch ein Eis.

Haben Sie alles gefunden, waren Sie zufrieden mit? Ja! Nein. Weiß ich nicht.

| Niklas Linnenbach

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Ungleiche Freunde

RomanGeschrieben von fiction Mo, Mai 13, 2013 11:43

Torsten Schulz’ neuer Roman Nilowsky. Von PETER MOHR


»Ich hatte immer Sehnsucht nach einem großen Bruder. Mit Nilowsky habe ich ihn mir erschaffen«, klärte Autor Torsten Schulz über den Protagonisten seines zweiten Romans auf. 2004 hatte der Potsdamer Professor für Dramaturgie mit Boxhagener Platz ein beachtliches und später von Matti Geschonneck erfolgreich verfilmtes Romandebüt vorgelegt. Wie in seinem Erstling ist auch nun die Handlung im Berliner Osten angesiedelt.

Der Ich-Erzähler Markus Bäcker ist vierzehn Jahre alt und gerade mit seinen Eltern an den Stadtrand gezogen, in ein schäbiges Umfeld, in Riechweite eines Chemiewerks und unmittelbar an einer Bahnlinie gelegen. Ausgerechnet in dieser ihm zunächst verhassten Gegend lernt er 1976 die für seine Jugend prägende Figur kennen – den vier Jahre älteren Reiner Nilowsky, Sohn eines zwielichtigen Kneipenwirtes des Viertels.

Nilowsky ist ein Typ, vor dem alle wohlmeinenden Eltern vermutlich ihre Kinder eindringlich warnen: ein autoritärer Leithammel mit kruder Weltsicht, primitiv und anarchisch, ein verträumter Spinner und gnadenloser Aufschneider – mal liebenswert, mal cholerisch. Die Beziehung zwischen den ungleichen Freunden ist äußerst schwierig, erinnert ein wenig an ein autoritäres Herr-und-Knecht-Verhältnis. Nilowsky treibt mit dem jüngeren Markus allerlei Schabernack. Als Mutprobe muss der Jüngere im Winter die Bahnschienen lecken, bei den herrschenden Minusgraden bleibt die Zunge kleben, Markus bekommt es mit der Angst zu tun. Panik breitet sich in ihm aus, er hört schon den Lärm des nahenden Zugs, als ihn Nilowsky (wie eklig!!) mit seinem Urin von seinen Todesängsten »erlöst«.

Das Verhältnis zwischen Markus und Nilowsky wird noch komplizierter, weil sie irgendwann beide für das gleiche Mädchen schwärmen – für die geheimnisvoll-naiv gezeichnete Carola, die sich vorgenommen hat, nicht älter als dreizehn aussehen zu wollen.

Der 54-jährige Torsten Schulz hat wie schon in seinem Debüt ein feines Händchen für skurrile Figuren bewiesen. In einem Handlungsschlenker begegnen wir einer Gruppe älterer Frauen aus dem Viertel, die sich mit Afrikanern vergnügen und sich auf fragwürdige Voodoo-Zauberei zur Steigerung des »Liebesdurstes« einlassen. Auch die Episode um die Beerdigung von Nilowskys brutalem Vater entbehrt nicht einer gewissen Komik. Nilowsky lässt Musik vom Plattenspieler laufen, die der Vater gehasst und von der sich seine bereits vor langer Zeit gestorbene Mutter einst dauerberieseln ließ. So wird die Beerdigung noch zum symbolischen Racheakt.

Die pubertären Irrungen und Wirrungen, eine Freundschaft der ganz speziellen Art, ein geheimnisvolles Dreiecksverhältnis, die Akzeptanz einer Autorität außerhalb der Familie und die Rebellion gegen die Erwachsenenwelt sind die zentralen Themen des zweiten Romans von Torsten Schulz, der ohne jede Ostalgie einen scharfen Blick auf das kleinbürgerlich-proletarische Milieu der DDR wirft.

»Ich fühlte mich geborgen in seinen Armen und musste noch heftiger heulen, so heftig, dass mein Körper bebte. Nilowsky drückte mich fest an sich und sagte: ,Ist gesund, wenn man heult, richtig heult.« Es sind gerade solch simpel klingende Dialoge, die diesem Roman ein Höchstmaß an Authentizität und darüber hinaus auch eine singuläre Melodie verleihen. Mal herzzerreißend komisch, mal tieftraurig – ein Roman, der wunderbar zwischen Komik und Tragik changiert.

| PETER MOHR

Titelangaben:

Torsten Schulz: Nilowsky
Stuttgart: Klett Cotta Verlag 2013
285 Seiten. 19,95 Euro

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Leseprobe

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Auf der Suche nach Robinson Crusoe

RomanGeschrieben von fiction Mo, Mai 13, 2013 11:38

21 recht unterschiedliche Texte vereinen sich in Jonathan Franzens Essayband Weiter weg, und doch verbindet sie fast alle etwas miteinander – die Gedanken an den 2008 verstorbenen Freund und Autor David Foster Wallace. Aber auch die Liebe spielt eine Rolle, die Liebe zur Literatur, zu einer Frau oder zu Vögeln (Franzens große Leidenschaft). Der Autor gewährt tiefe Einblicke und lädt ein, über sich und das Leben zu reflektieren. Von TANJA LINDAUER
»I just call to say I love you« – jeder kennt dieses Lied, und vermutlich wird der eine oder andere Leser dieser Rezension nun für den restlichen Tag einen Ohrwurm haben. Doch seit Weiter weg ist es viel mehr als nur ein Song, es ist auch ein Gedanke, ja eine Empörung Franzens. Der rasende Wandel in unserer Gesellschaft macht ihm sehr zu schaffen und dass jeder überall telefoniert.

Und dass auch jeder mithören kann, wenn jemand Liebesschwüre in das Handy flüstert, bezeichnet er als fehlende Rücksichtnahme, die einhergeht mit einer »plötzlichen, mysteriösen, katastrophalen Sentimentalisierung des öffentlichen Diskurses in Amerika.« (»Da möchte ich dann am liebsten nach China auswandern, wo ich die Sprache nicht verstehe.«) Aber wie kann man dieser schnelllebigen Welt überhaupt entkommen?

Nun, Franzen versuchte sich als Robinson Crusoe. In dem Essay »Weiter weg« schildert der Autor, wie er sich auf den Weg nach »Más Afuera« (weiter weg) macht, einer Vulkan-Insel im Südpazifik. 2010 besuchte Franzen diese Insel, die auch Isla Alejandro Selkirk genannt wird. Defoe-Kenner werden nun aufhorchen, denn ein schottischer Seemann namens Alexander Selkirk soll Defoe als Vorbild für seinen Roman gedient haben. Auf dieser Insel wollte Franzen »einen Gang runterschalten« und sich auf das Wesentliche konzentrieren. Denn auf der einsamen Insel kann man wunderbar Vögel beobachten.

Der passionierte Vogelbeobachter, der schreibt, dass dieses Hobby uncool sei, betreibt es dennoch mit Leidenschaft. Zudem wollte der Autor hier noch einmal Robinson Crusoe lesen und etwas von der Asche (aufbewahrt in einer Zündholzschachtel) seines Freundes David Foster Wallace, der Selbstmord beging, verstreuen. Auf dieser Insel, weit weg von allem, reflektiert der Autor über sich, seinen Freund, das Einsamsein und die Literatur – genauer über Defoes Robinson Crusoe. Doch sein Ausflug entpuppt sich als nervenaufreibender als geplant: Statt Ruhe findet er sich im Kampf gegen die Natur und seine eigenen Gefühle wieder.

Reiseberichte mit Tiefgang


Alle längeren Texte, wie »Weiter weg« in diesem Band sind zudem vornehmlich Reiseberichte. Malta, China, Italien und Zypern: Gegenden, in denen Vogelschutz eine Art Fremdwort ist. Und auch das bietet dem Autor Gelegenheit, über unser modernes Leben zu sinnieren und zu klagen. Die Tyrannei der Handys ist immer wieder ein Thema, doch sein Smartphone würde Franzen auch nicht wieder hergeben. Schließlich habe er ja auch nichts gegen Technik, denn die digitale »Mailbox und Anruferkennung, die gemeinsam die Tyrannei des klingelnden Telefons gebrochen haben, sind für mich zwei der großen Erfindungen ...«

Aber nicht nur Klagen und Zynismus sind auf den gut 300 Seiten vereint, sondern auch die Liebe zur Literatur findet immer wieder seinen Weg in die Texte. Er ist Feuer und Flamme für nicht beachtete Autoren und vergessene Bücher, bei denen der Leser zugleich Lust verspürt, selbst diese zu lesen. Leidenschaftlich sind alle seine Essays und der Autor gewährt tiefe Einblicke in sein Privatleben, so erfahren wir von seiner ersten gescheiterten Ehe.

Dies alles kann manchmal entmutigend wirken. Ehen, die in die Brüche gehen, Einsamkeit, Freunde, die den Freitod wählen und Wilderer, die Jagd auf Vögel machen. Und dennoch: »Wenn man in seinem Zimmer bleibt und tobt oder spottet oder die Achseln zuckt, wie ich es viele Jahre getan habe, sind die Welt und ihre Probleme entmutigend. Wenn man aber rausgeht und sich in eine wirkliche Beziehung zu wirklichen Menschen oder auch nur wirklichen Tieren setzt, besteht die sehr reale Gefahr, einige von ihnen zu lieben. Und wer weiß, was dann mit einem geschieht?« Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

| TANJA LINDAUER

Titelangaben:

Jonathan Franzen: Weiter weg
Reinbek: Rowohlt 2013
368 Seiten. 19,95 Euro

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Leseprobe

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Die falschen Geister der Vergangenheit

Kinder und JugendGeschrieben von TitelBlog Mo, Mai 13, 2013 09:37

Jennifer R. Hubbard: Atme nicht.

Die Selbsttötung von Jugendlichen ist ein ebenso tabuisiertes wie brisantes Thema. Jugendliche fasziniert es allemal, vor allem aber ist es wichtig, es offen anzugehen. Tut man es, begibt man sich allerdings auf einen Weg, der Klippen und Fallgruppen in unangenehm hoher Zahl aufweist. Die US-amerikanische Autorin Jennifer R. Hubbard hat sich in ihrem Jugendbuch Atme nicht – ihrem ersten, das auf Deutsch erscheint – unerschrocken auf diesen Weg begeben und eine überraschend komplexe Geschichte vorgelegt. Von MAGALI HEISSLER

Ryan hat es getan. Die ganze Schule redet davon, in Worten, in Blicken und vor allem hinter Ryans Rücken. Ryans Mutter, die seither mit Argusaugen über ihn wacht, ebenso. Ryan weiß, wie er zumindest seine Mutter aus der Fassung bringen kann, indem er es ausspricht nämlich. Er hat versucht, sich umzubringen. Deswegen war er monatelang in einer psychiatrischen Klinik. Im Unterschied zu dem, was andere glauben, beschäftigt er sich aber nicht mehr mit den Möglichkeiten einer Selbsttötung, sondern mit der Frage, wie es damals dazu kam. Es gibt dabei zwei wunde Punkte, an die er sich selbst kaum wagt. Über das Thema Selbsttötung kann er, abgesehen von seiner Therapeutin, nur mit Val und Jake sprechen, die er in der Klinik kennengelernt hat. Aber sie leben viele Meilen von ihm entfernt, sie können nur digital kommunizieren.

Als Nicki auftaucht, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, ist Ryan vor allem misstrauisch. Nickis Verhalten lässt das Misstrauen nur wachsen, es gibt keinen Zweifel, dass sie ihm absichtlich nachläuft. Nicki aber hat ein ganz besonderes Problem und eine eigene Art, es dem unwilligen Ryan aufzuzwingen. Dieser sieht sich plötzlich mit Facetten des Lebens konfrontiert, die ihn vor ungeahnte seelische Herausforderungen stellen.

Das Leben tut weh

Hubbard lässt Ryan diese Geschichte erzählen. Dieser entpuppt sich als sensibler Beobachter, eher zurückhaltend als laut, aufmerksam, einer der denkt, ehe er handelt, dabei aber oft zu kompliziert denkt, weil es ihm an Überblick fehlt. Sein Gefühlsleben überwältigt ihn häufig, Ryan ist wenig selbstbewusst. Als seine Eltern in ein neues Haus ziehen, er eine andere Schule besuchen und neue Freunde finden muss, ist er überfordert. Sein innerer Rückzug schießt dann ebenso über das Ziel hinaus, statt einen Ruhepunkt zu finden, isoliert er sich. Als Depressionen einsetzen, ist er hilflos. Er fühlt nur den Schmerz, den das Erwachsenwerden auslöst. Was das Leben zu bieten hat, tut weh, offenbar unaufhörlich und ohne, dass man es ändern könnte.

In Nicki trifft Ryan jemand, die gleichfalls an Lebensschmerz leidet. Ihr Ziel ist aber ein anderes, als Ryan zunächst vermutet. Hubbard ist sehr mutig darin, seelisch tief verletzte Teenager auftreten und interagieren zu lassen. Was hinter den Traumata steckt, ist unerwartet, weit weg von dem, was sich als traurige Standards in Teenager-Lektüre eingeätzt hat, und zeigt endlich wieder auf die Komplexität der Erfahrungen, die sehr junge Menschen machen. Ihre Teenager-Figuren nutzt Hubbard zugleich als Beispiele für die unterschiedlichen Stadien in der Bewältigung der extremen Situation, die sie mit ihren versuchten Selbsttötungen erlebt haben. Ehrlich, wie diese Autorin ist, enthält sie den Leserinnen dabei wenig vor, die Konsequenz bei der Figurenzeichnung ist beispielhaft.

Gespenster bannen

Was Hubbard in dieser sehr gelungenen Geschichte vor allem zur Sprache bringt, ist, wie sehr sich die Vorstellung, die man sich von etwas macht, von dem unterscheidet, wie die Dinge sind. Was für den einen von lebenswichtiger Bedeutung ist, ist es für andere nicht, und kann es auch nicht sein, weil jede ihren eigenen Blick hat. Menschen verklären und malen schwarz, erfinden Märchen und sehen nur schroffe Kanten, oft genug von einem Augenblick zum nächsten. Wir erfinden unsere eigenen bösen Geister. Und wenn wir nicht aufpassen, werden wir diese Gespenster nie mehr bannen können, das eine der Lehren, die sich hier ziehen lässt.

Nicki ist eine solche Spezialistin für falsche Geister der Vergangenheit, aber auch sie ist, wie Val und Jake wiederum ein Teil dessen, was auch Ryan ausmacht. In ihren Ähnlichkeiten finden sich diese Jugendlichen und unterstützen sich gegenseitig, oft nur halb bewusst. Hubbard kennt Jugendliche sehr gut und schafft es, ihre Figuren so lebensecht zu gestalten, dass man meint, sie sprechen zu hören. Das gilt selbst für Nebenfiguren, die nur Kurzauftritte haben.

Ein wenig überrascht, dass ein großes Problem in Ryans Familie erst so spät erkannt wird. Andererseits gehört die Erkenntnis zu Ryans Rückkehr ins Leben, er findet aus der Selbstzentriertheit, die das Teenageralter auszeichnet zurück zu seinem Selbst, das sensibel und offen ist für andere. Das aber auch gelernt hat, dass man nicht nur mit Rückschlägen umgehen kann, sondern dass sie das Leben ebenso ausmachen, wie alles Gute, das einer begegnet. Atmen kann man lernen.

Einen gut formulierte (und sehr gut übersetzte), spannend konstruierte und dabei tief gehende Geschichte.

| MAGALI HEISSLER

Titelangaben:
Jennifer R. Hubbard: Atme nicht (Try not to breathe, 2012)
Aus dem amerikan. Englisch übersetzt von Michael Koseler
Weinheim: Beltz & Gelberg 2012
256 Seiten. 13,95 Euro
Jugendbuch ab 13

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The Time Was Right: An Interview With Tone of Arc.

Bittles' MagazineGeschrieben von TitelBlog Sa, Mai 11, 2013 12:21

To say that Tone of Arc have created one of the funkiest records of 2013 is something of an understatement. Said album The Time Was Right contains 11 tracks of fantastically freaky sounds that would make LCD Soundsystem lie down and give up the ghost (oh wait, they already have). Trust me when I tell you that this is music readymade for the shuffling of shoulders, the nodding of heads, the movement of feet, and the eruption of huge face-dominating grins. By JOHN BITTLES

The duo of Tone of Arc are made up of Derrick Boyd, otherwise known as Dead Seal, who produces, plays numerous instruments, and sings. Joining him is partner and vocalist Zoe Presnick who adds a somewhat melodic balance and dynamism to the songs. After delighting all manner of clued-up hipsters everywhere with some very well received EPs they are now ready to take that next step towards world domination through the release of their debut album.

The Time Was Right comes out on the 13th of May on that fabulous purveyor of house No.19 Music and was executive produced by label head and one half of Art Department Jonny White. Yet if you approach this album merely expecting to hear some rigid 4/4 beats and house clichés then prepare to have your mind well and truly felt-up. With this album our daring duo have used house as a very loose template to explore funk, soul, hip-hop, and all manner of strange musical genres for which no name has yet been found.

Opening track Surrender sounds like something on DFA with a bassline that buzzes and grooves in all the right places while next song Love Kissed resembles Talking Heads blissed-out on E. The whole album makes up a surprisingly varied listening experience that will rock any block party and make you feel cool as fuck as you listen to it walking down your street. Even my mate Dan appeared hip while I played him the album and he’s into Bastille for fuck’s sake.

Other top tunes include Where you Belong, an uplifting new age anthem that seems to have been created with the singular intention of making the world appear a better place. Goodbye Horses sounds more Depeche Mode than Depeche Mode do now, and if someone presented it to you as a lost new wave classic you wouldn’t immediately think they were talking shit. Leftfield is the only track on the album that is recognisably house and it rocks like a 16 year old boy who has just lost his virginity while in Ibiza for the very first time. This is a good thing of course!

In short the album is really pretty darn ace and is good enough to get a tired and jaded old hack like myself so excited that I didn’t use sarcasm for an entire week. So when I was offered the chance to do an interview with the band I was smiling so much my girlfriend started thinking that something was seriously wrong. In the resultant interview we deliberated on various subjects including star seeds, Bowie, fans, music and a lot more. Enjoy!


For those who have so far lived a life of blissful ignorance, can you tell us a bit about who you are and what you do?

We are star seeds, put here to fulfil a musical mission to inspire purpose and meaning into the lives who are drawn to our music. We are a husband and wife duo from San Francisco. I (Derrick Boyd) produce and play all the instruments, guitar, bass, drums, keys, and male vocals and Zoe balances my work out with her input and strong, effortless female vocals. I've been producing music for most of my life purely to fill my life with joy, and joyous we are. :)

New album The Time Was Right is a fantastically funky listen that really brings a smile to the face. Who should listen to the record?

I think the people who should and will listen to our music are the romantic, adventurers seeking love, health, reliable and funny friends, who enjoy sophisticated and classy sound waves to fill their lives.


It’s hard to find music which genuinely sounds different yet still maintains that dance floor oomph. What’s your secret?

Good use of EQ and creating original sounds and loops. Staying true to what lessons musicians/rockstars have already learned which is staying analog, take your time to do it right, trash parts that aren't necessary and be as simple as possible. If you have too many sounds that means you have a bunch of crap sounds all trying to do the job that one sound can do by itself if it has the balls and confidence that it should. Being true to your inspirations but trying not to copy what they do but adding on to the collective consciousness that is music. Nothing we do is anything that hasn't been done before and we would never claim otherwise.


Did you purposely set out to record a full album, or did the tracks just come together naturally?

One song at a time the album came together but three albums were made in the process of making one that was cohesive to the project. I write what I write and I don't try to control my feelings to make something happen. I prefer to channel the sounds and vibe through outside spiritual and organic sources and sometimes magic happens and sometimes you get a muppet circus paradise.


What’s your favourite song from the record?

The title track The Time Was Right is the best and my first really funky song I made four years ago. My intensions shifted to create music that made people happy around then. I used to make some dark techy stuff and cleared a few dance floors in the process. I’ve been told it was because the music was ahead of its time but that’s not for me to say. In second would be Love kissed they might actually tie for first.


At times the album almost sounds like vintage Prince. Would you agree with that comparison?

Not as much Prince as Bowie, The Clash, Caribou, Dire Straights with a house kick and geez everything I’ve ever heard and liked. That’s a tough one to say. Its a mutt of all the best I hope.


While Leftfield is recognisably ‘house’ the other tracks on the record veer away into a vast variety of directions. How do you think regular fans of No.19 Music will react to the record?

Regular fans will be thrown for a loop. I think they will understand that we are moving forward and that music should not be confined so tightly to floors walls and ceilings. Good music is good music. NO.19 will become a more dynamic source for musicians and fans to find inspiring music.


What’s it like working with the guys at No.19 Music and Jonny White who executive produced the album?

Um it's awesome. Doesn't get better. They are my family. Before I met Jonny I was just looking for my sound and making endless amounts of music and putting them in the closet to be forgotten. Jonny got me inspired just because one of my great inspirations was into my music. I was finally free from the torment of an artist thinking he wasn't good enough. We are really blessed to be with them.

You’ve gained quite a reputation for your awesome live shows. Are you going to tour the album?

We are touring the album right now throughout Europe and introducing many other new workings as well. Unfortunately a couple songs could not be played live as I would need a full band to do so. Soon I will be able to get a band in effect to make up for any questionable doubts that real musicians might have in our live performance. We can only carry so much with two arms.


What makes a good live show?

Clean, loud sound system, perfect lighting, a stage, a good crowd but not over crowded, affordable drinks, costumes on the artist, live musicians and vocals, and good sense of order and flow mixed with diversity in selection. An hour and a half time is perfect to get it all done.


Who or what is inspiring you right now?

The fans. That’s it. Knowing I have people listening is so inspiring. All I want to do is write, write, write. I’m going through major withdrawals of making music being on tour. Its a catch 22. I’m not the idolizing type and always found my inspiration from playing a guitar or buying a new shaker or finding a new sound on a synth. The rest just happens naturally.


The album has a very striking cover. Who did it and what do you think it says about the album?

I came up with it. Our No.19 team-mate Teeloo made it manifest. I’m obsessed with life and death so a skull is a perfect symbol of that and the angels are strong with us so we have one playing a guitar.


What setting do you think would be the perfect place for listening to The Time Was Right?

There is a time and a place for our songs to be played. It's up to the listener or the Dj to play these at the right time to be able to appreciate it to the fullest. These are like last songs to play at the party. An after party with people you love is the best place so you can dance in comfort. If you get a good buzz it will really set in and hit your soul. It’s designed to be enjoyed wherever you are though. I’ve been sad, happy, in clubs, at mom’s house and it always works. But that’s just me.


Finally, what advice would you give any readers out there who are wishing to create some tunes?

Start producing right away. Don't do it for the fame or money or pussy. Do it because you have to or else you would die. We need real musicians willing to take the time to learn how to play instruments and learn to sing. People are getting too lazy and reliant on technology to do basic and easy tasks. DJ's are teaming up and making bands for a reason so you might as well get a head start and pick up the coolest looking instruments you can find and start wailing on it. The pussy and cash will naturally follow. If your heart is in the right place you can have anything you want but it helps to want to help others before yourself. The universe wants you to be happy. Don't let your mind or any one tell you other wise. Surround yourself with people who challenge you but love you. And never let anyone take the piss out of your work. It’s for your happiness and they have no right to be jerks.

I would just like to thank Derrick for taking the time to answer these questions and to urge every right thinking individual to go out and buy the album now.

| JOHN BITTLES

Tone of Arc: Website

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